Jörg Heitkötter
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Eines schönen Tages, in einem heißen Sommer, kauerte Puke in den Ästen einer
Weide die sich sanft in einer Brise wog und blinzelte müde und zufrieden in
die hellen Sonnenstrahlen. Kleine Koboldschweißperlen rannen ihm über die
grüne Stirn und flossen ihm brennend in die schelmisch funkelnden Koboldaugen.
Aber Puke bemerkte von all dem nichts. Er hatte, kaum war er aus seinem
Nickerchen erwacht, in dem er wiedereinmal von Oggi geträumt hatte, seinen
Blick durchs Geäst schweifen lassen und etwas erspäht, daß ihn viel zu sehr
faszinierte, als sich von den alltäglichen Dingen ablenken zu lassen. Nicht
einmal von der Vorfreude auf die zu erwartende heiße Liebesnacht mit Oggi.
In nicht allzuweiter Entfernung von ihm, weiter unten im kurzen Gras saß eine
Zaubermaus! Puke war sich absolut sicher das dies eine Zaubermaus war, obwohl
er noch nie zuvor eine Zaubermaus gesehen hatte. Aber in seinen Träumen hatte
sie immer genau so ausgesehen. Dennoch war er mehr als nur verwundert, denn...
Eigentlich hatte Puke gedacht das Zaubermäuse nur eine Erfindung des
alten Holm gewesen wären. Denn der hatte in der Koboldschule immer und
immer wieder von ihnen erzählt ohne seinen Schülern jemals eine Zaubermaus
gezeigt zu haben. Aber jetzt wo Puke die Zaubermaus erblickte, fuhr es wie ein
Blitz durch seinen Kopf und Puke fühlte sich ganz leicht und beschwingt. Sein
kleines Koboldherz pochte, viel schneller als bei bei den Träumen in denen
Oggi sämtliche weiblichen Hauptrollen spielte.
``Und wenn Euch in eurem Leben eine Zaubermaus begegnet'', hatte der alte
Holm gesagt, ``so fangt sie und haltet sie bloß gut fest! Sie taucht immer
nur einmal in einem Koboldleben auf und die rund 800 Jahre, die ihr am Ende
eures Koboldlebens ohne weiteres auf dem Buckel haben könnt, sind wahrlich
keine pappenstiehl. Insbesondere werden euch die Jahre ohne eure Zaubermaus
unendlich lang erscheinen.'' Aber die kleinen Kobolde hatten nur gelacht und
das ganze als eines der für den alten Holm typischen Hirngespinnste abgetan
und waren lieber zum Tütenrutschen gegangen.
Daran mußte Puke nun denken, als er sich zunächst einmal unsichtbar machte und
von dem Weidenzweig herabsprang auf dem er vorhin noch bauchlings gelegen
hatte. Seine feinen Flügel entfalteten sich und langsam, wie ein Kolibri der
den Nektar aus einer Blume trinkt, ließ er sich vom Wind in Richtung
Zaubermaus treiben. Schließlich erreichte er den Boden und den Grassfleck auf
dem sie saß. Puke sah, daß die Zaubermaus weinte. Er erschrak darüber so sehr
das er auf der Stelle sichtbar wurde...
Die Zaubermaus sah auf und lächelte den Kobold mit ihren unendlich großen
dunklen, haselnußbraunen Augen an. Puke versuchte sein Mißgeschick wieder wett
zu machen und sich wie üblich in die Unsichtbarkeit zu flüchten, aber-es
klappte einfach nicht!
Verflixt, verhext und zugenäht, dachte Puke. Und ging in Gedanken nocheinmal
das gesamte Kapitel zum Thema Unsichtbarkeit aus dem großen Almanach für
kleine Kobolde durch. Nichts der darin enthaltenen Tips und Tricks schien zu
funktionieren. Er schloß die Augen und konzentrierte sich--Wieder nichts! Er
blieb sichtbar! Puke beschloß einfach das Problem später zu lösen und grinste
die Zaubermaus unsicher an.
``Warum weinst du?'' fragte er auf geratewohl hinaus, nur um wenigstens
irgendetwas zu tun und nicht nur dumm in der Gegend herumzustehen und die
Zaubermaus anzuglotzen. Puke kam sich ohnehin reichlich dämlich vor, aber er
erinnerte sich auch das der alte Holm auch noch gesagt hatte, daß die Nähe
einer Zaubermaus sehr viele merkwürdige Dinge verursachen könnte. Wenn er dem
alten Holm doch nur öfter zugehört hätte! Vielleicht wüßte er dann was nun
zu tun sei.
``Ya-, ya-, yagechiiiihh'', machte die Zaubermaus und schneuzte in ihr
kleines rosa Taschentuch, das sie flink aus ihrer Handtasche zog.
``Gesundheit, liebe Zaubermaus'', sagte Puke automatisch, schon weil ihm
nichts anderes einfiel.
``Dankeschön'', sagte die Zaubermaus wohlerzogen. ``Du kannst sicher sein,
daß ich wirklich gesund bin. Auch wenn ich mir auf dieser feuchten Wiese wohl
doch einen Schnupfen geholt habe.''
``Na zum Glück ist es nichts ernsthaftes'', grinste Puke und lächelte keck,
``sagst Du mir trotzdem, wieso Du vorhin geweint hast?''
``Ich weine weil mich die Menschen immer wieder aufs neue enttäuschen'', sagte
die Zaubermaus mit sanfter Stimme.
``Wie meinst Du das?'' fragte Puke neugierig.
``Nun, sie sagen mir das sie das eine tun, meinen aber etwas ganz anderes.
Oder sie halten sich einfach nicht an unsere Verabredungen. Ich kann ihnen ein
Versprechen abnehmen, aber es ist sinnlos. Menschen scheinen keine Loyalität
zu kennen, schon gar nicht Zaubermäusen gegenüber'', sagte die Zaubermaus
traurig.
``Wenn ich dir einen Tip geben darf'', sagte Puke nun merklich sicherer, denn
unter den Kobolden waren seine Ansichten zu lebensphilosohischen Fragen mehr
als nur anerkannt.
``Erwarte immer nur das von einem Menschen, was Du von ihm erwarten
kannst-NICHT das was Du von dir selbst erwarten würdest-sonst tun dir zu
viele Menschen weh. Die einen absichtlich, weil sie deine Erwartungen nicht
erfüllen wollen und die anderen unabsichtlich, weil sie deine Erwartungen
einfach nicht erfüllen können.
Ich würde jemandem zunächst immer zu gute halten, das er zu letzterer
Kategorie zählt, um dann bei Wiederholung nachzuforschen, ob derjenige
eventuell doch zu erster Kategorie gehört.
Der Anspruch den Menschen an sich selber haben und die aus ihrem
Verhalten resultierende Wirklichkeit liegen leider oft sehr weit auseinander.''
``Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sind sehr rare Güter auf dieser Welt-nicht
nur in unserer Phantasiewelt. Es gibt hier nur sehr wenige die das können was
du kannst-nämlich einen Vertrauensvorschuß gewähren und auf Loyalität
hoffen. Das ist heutzutage eigentlich nicht mehr üblich'', sagte Puke.
``Du solltest den Kopf darum nicht hängen lassen-Du bist nunmal nicht der
einzige der einfach ohne zu überlegen so handelt wie er eben ist-andere tun
das auch. Und das, was man für sich selbst in Anspruch nimmt, sollte man auch
allen anderen zugestehen. Denn ebendiese anderen gehen ohnehin davon aus...
das ist die Crux in dieser Welt. Handeln ohne die Folgen zu bedenken.
Du kannst ihnen nur Vergeben oder Fortgehen. Aber wohin Du auch immer gehen
wirst, dort werden dieselben Menschen sein, wie hier. Es werden dieselben
Dinge geschehen. Und Deine Flucht wird weitergehen. Ad nauseam, bis in alle
Ewigkeit...''
''Seitdem die Kremerseelen in den Menschen regieren und jedes Tun auf
der Frage basiert, was man denn nun als Gegenleistung für ebendieses Tun
erhalten wird, ist das Leben kompliziert geworden,'' fuhr Puke fort
der jetzt ganz in seinem Element war.
``Es hat jedoch wenig Sinn darüber in Verzweifung zu geraten. Die Zen-Mönche
sagen, das der Schmerz in den Menschen dadurch hervorgerufen wird, daß
ebendiese Menschen die sie umgebende Wirklichkeit nicht anerkennen und
wahrhaben wollen. Wer sich der Realität verweigert wird untergehen und
von innen heraus sterben.''
``Aber warum ist das Leben der Menschen so grausam?'' fragte die Zaubermaus
erschreckt.
``Aber nein!'' sagte Puke. ``Das Leben an sich ist total unkompliziert. Im
Grunde ist unser Leben sogar sehr einfach, es wird nur unerträglich
kompliziert indem man nur an sich selber denkt. Wenn man aufhört an sich
selbst zu denken und sich fragt, wie man anderen helfen kann, wird das Leben
vollkommen einfach.
Leider stammt diese Erkenntnis nicht von mir'', sagte Puke und grinste
verlegen. ``Sie stammt von einem Menschensohn aus einem kleinen Dorf namens
Nazareth.''
``Das wichtigste ist zu lernen auch den Schmerz, den dir die Menschen zufügen
denen Du vertraut hast, zu vergessen und mit der Tatsache fertig zu werden das
dieser Schmerz unausweichlich ist. Das dauert sehr lange und hat mich viele
Jahre meines Koboldlebens gekostet. Aber es lohnt sich! Lerne zu vergeben und
lerne zu vergessen.
Denn wenn man etwas kann, das niemand sonst kann-oder nur sehr, sehr wenige
andere können'', sagte Puke, ``läßt die Erkenntnis darüber deine Seele
schweben und nichts tut dir mehr weh-''
``Puh...'' sagte die Zaubermaus und klimperte mit ihren unendlich langen
Wimpern. ``Ich schätze darüber werde ich eine Weile nachdenken müßen.''
``Nimm' dir die Zeit'', sagte Puke und zwinkerte ihr zu. ``Es gibt nur ganz
wenige Dinge die so sinnvoll sind wie das Nachdenken.''
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Holm
Zauber
Schnupfen
Anspruch und Wirklichkeit
Flüchtling
Geben und Nehmen
Vergeben und Vergessen
Nachdenken