Jörg Heitkötter
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Eines schönen Tages setzte sich der kleine Prinz an den Rand eines teils
wildrauschenden, teils vor sich hin plätschernden Baches und lauschte dem
Murmeln des Wassers, wie es so über den felsigen Grund dahinglitt. Das Wasser
war kristallklar und die Sonne warf scharfe Schatten auf die rund
geschliffenen Kieselsteine im Bett des Baches. Über diese huschte mit einem
mal ein goldgelber Schatten und verschwand ebenso plötzlich wie er erschienen
war.
Der kleine Prinz rieb sich verwundert die Augen und spähte nocheinmal tief ins
Wasser hinein. Wieder huschte ein goldgelber Schatten über die Kiesel am Grund
und verschwand erneut. Der kleine Prinz entledigte sich seiner Schuhe, holte
seinen Kescher, stellte sich auf das sandige Ufer und tauchte sein Netz
tief in eine der aufbrausenden Stellen des Bachs und wartete.
Etwas rüttelte in seiner Hand und der kleine Prinz zog behende den Kescher aus
dem Wasser, worin ein kleiner Goldfisch aufgeregt hin und her zappelte.
``Hei du kleiner Goldfisch, du bist so wunderschön!'' rief der kleine
Prinz aus, als er den Fisch aus dem Kescher nahm.
``Iiiiiiihh!'' quietschte der kleine Goldfisch. ``Komm' mir nicht zu nah', du
tust mir weh!''
Der kleine Prinz aber war so glücklich über seinen Fang, das er den Goldfisch
mit beiden Händen ergriff und ihn hoch in die Luft warf um ihn wieder
aufzufangen.
``Iiiiiiihh!'' quietschte der Goldfisch erneut. ``Hörst du wohl auf damit!
Ich hasse es wenn Menschen mir zu nahe kommen!''
``Oh, nein!'' sagte der kleine Prinz, ``ich will dir nicht weh tun! Ich werde
dir ein wunderschönes Aquarium schenken und es dir an nichts fehlen lassen!''
Er hielt den kleinen Fisch auf beiden Händen vor sein Gesicht und schaute ihm
in die wunderschönen braunen Augen. Dann versuchte er den Goldfisch zu küßen.
Doch der drehte seinen Kopf im letzten Moment zur Seite, so daß der kleine
Prinz nur die Stelle hinter den Kiemen traf, an der sich bei einer Prinzessin
die Ohren mit dem Geschmeide befunden hätte.
```Iiiiiiihh!'' quietschte der Goldfisch und wand sich verzweifelt. ``Laß
mich endlich los, du dummer kleiner Junge! Siehst du nicht das wir nicht
füreinander bestimmt sind? Ich will frei sein. In deinem Aquarium würde ich
elendig sterben. Ich will nichts von dir geschenkt haben. Bitte, bitte, bitte
laß mich endlich in Ruh'...''
Der kleine Prinz erschrak zutiefst und warf den Fisch wieder zurück in sein
Element. Der Goldfisch aber sprang fröhlich aus dem Wasser in die Luft und
rief artig:
``Dank dir, kleiner Prinz! Dank dir! Und mach's gut!''
Dann tauchte er zurück ins Wasser und verschwand.
Der kleine Prinz aber zerbrach seinen Kescher und beschloß nie wieder einen
Fisch zu fangen. Dann setzte sich ins Gras um zu Grübeln. Der Klee im Gras
neben ihm roch süß und leicht. Sein Herz aber war schwer und Salzwasser rann
aus seinen Augenwinkeln.
``Warum weinst du?'' fragte ein Skorpion, der plötzlich auf dem Ufersand
herumkrabbelte.
``Was ist Weinen?'' fragte der kleine Prinz.
``Das Salzwasser in Deinen Augen nennt man Tränen,'' sagte der Skorpion.
``Und wenn die Menschen nicht mehr weiter wissen, fangen sie an
zu weinen. Das ist ein Zeichen ihrer Schwäche.''
``Wie kann ich schwach sein, wenn ich nicht einmal weiß, was Tränen sind?''
fragte der kleine Prinz erstaunt.
``Du mußt offenbar noch viel lernen,'' sagte der Skorpion ungedulig.
``Aber ich will Dir eine Geschichte erzählen, vielleicht verstehst du dann,
warum du den kleinen Goldfisch freigeben mußtest, also...''
``Ein Skorpion und ein Frosch trafen sich am Rand eines Flusses, und der
Skorpion fragte den Frosch, ob er ihn wohl hinübertragen würde, da Frösche
doch schwimmen könnten, Skorpione aber nicht. ``Nein,'' sagt darauf der
Frosch, ``du wirst mich stechen, bevor wir den Fluß überquert haben.''
``Aber das macht doch keinen Sinn,'' argumentiert der Skorpion, ``wenn ich
Dich steche bist du tot und ich ertrinke.'' Das leuchtete dem Frosch ein und
so nahm er den Skorpion auf seinen Rücken und sprang ins Wasser. Etwa in der
Mitte des Flusses, stach der Skorpion zu. Mit letzter Kraft fragt ihn der Frosch,
warum er das denn nun doch getan hätte. ``Ich bin eben ein Skorpion'', sagte
der Skorpion und ertrank.''
Der kleine Prinz schwieg nach diesen Worten für eine Weile, während der
Skorpion ungeduldig mit einem Hinterbein auf den Sand klopfte. Sein
Stachel blitzte kalt im Sonnenlicht.
``Sind die Menschen wirklich so komisch?'' fragte der kleine Prinz
schließlich. ``Tun sie Dinge wider besseres Wissen bis zu ihrem Untergang?
Und kann man da wirklich nichts machen?''
``Nein.'' sagte der Skorpion. ``Es ist das Grundprinzip des Lebens und auch
der Liebe.
Du mußt selber lernen zu leben und denjenigen den du liebst, so leben lassen
wie er es für richtig hält. Auch wenn du glaubst, daß diese Art zu leben
falsch ist, oder sie ihn selbst zu zerstören scheint.
Natürlich wirst du immer davon ausgehen, daß es demjenigen, den du liebst in
deiner Nähe viel besser ginge. Wenn du aber genauer in dich hinein horchst,
wirst du feststellen, daß du eigentlich nur dich selber damit meinst. Es geht
dir selber besser, wenn derjenige den du liebst in deiner Nähe ist und du
hoffst darauf, daß es ihm ebenso ergeht.
Aber das muß derjenige selbst herausfinden und sehr oft dauert das eine ganze
Weile. Leben und Leben lassen, heißt die Devise.
Das ist es auch, was schlichtes Begehren und Liebe voneinander unterscheidet.
Liebe ist immer freiwillig, wer nur begehrt, versucht die Liebe, oder den
schwachen Abklatsch dessen, was er für Liebe hält, mittels diverser Tricks
zu erzwingen.
Aber selbst da, wo noch keine wirkliche Liebe ist, kann doch die
Möglichkeit der Liebe bestehen, und diese Möglichkeit, das Wissen darum,
kann sehr lange nachwirken. Oft viel, viel länger als man glaubt.
Wenn dein Goldfisch eines Tages zur Einsicht gelangt, daß er doch lieber in
deiner Nähe leben würde, wird er von ganz allein zu dir zurück finden.''
``Glaubst du das wirklich?'' fragte der kleine Prinz. ``Ist das
Leben wirklich so komisch? Warum genügt es nicht, wenn ich den
Goldfisch aus ganzem Herzen liebe?''
``Es ist so.'' beschloß der Skorpion das Gespräch, drehte sich herum,
krabbelte flugs zum Rand des Baches und hüpfte hinein.
Der kleine Prinz sprang geschwind auf und griff nach dem Kescher um den
Skorpion vorm Ertrinken zu bewahren, doch kaum war er vom Wasser bedeckt,
verwandelte sich der Skorpion in den kleinen goldgelben Fisch und huschte über
die Kieselsteine hinweg, auf und davon, bis der kleine Prinz ihm nicht mehr mit
den Augen folgen konnte.
Der kleine Prinz stieg zurück ans Ufer und legte sich ins Gras. Er sog den
tiefen, süßen Geruch des Klees ein und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
Dann schaute er den Wolken zu, die von den Winden getrieben über den Himmel
zogen und Haschmich spielten. ``Das ist fast so wie bei Menschen die sich
lieben'', dachte der kleine Prinz bei sich. Und so lächelte er entspannt und
still in den Sonnenschein und in sich selbst hinein, denn er fühlte, daß sein
Goldfisch wiederkehren würde.
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Goldfisch
Aquarium
Elemente
Salzwasser
Frosch und Skorpion
Leben und Leben lassen
Lieben und Begehren
Metamorphose
Wolkenreise