Jörg Heitkötter
joke@de.uu.net
Endlich wieder ein Fall für Chicago. Das wurde aber auch
Zeit! Gerade sind die Coca-Cola Vorräte des Superdetektives Rick Norman,
alias Chicago erschöpft, da bricht das neue Abenteuer auch schon über ihn
herein und verwickelt unseren Helden in ein kompliziertes Komplott der
übelsten Sorte. Zum Glück fehlen auch die gut gebauten Blondinen
nicht, derer sich Chicago, wie üblich entledigt, bevor sie alles
durcheinanderbringen und der Fall noch komplizierter werden könnte.
Sollte euch diese Story an die ``Super-Thriller'' Parodien des italienischen
Romanautors Carlo Manzoni erinnert, der liegt übrigens goldrichtig. Sein
Bourbon-schlabbernder Superdetektiv Chico Pipa, (sowie eine gute Flasche
Irish Whiskey) standen Pate bei der Erfindung unseres Helden.
Dabei lief diese Erfindung nicht ganz freiwillig ab, denn dies ist meine
erster im Auftrag erstellte Story. Die Auftraggeberin war meine
damalige Freundin (und erste große Liebe). Sie mußte für ihren Literaturkurs
am Hittorf-Gymnasium in Recklinghausen eine Kriminalgeschichte schreiben, da
der Recklinghäuser Verlag Rudolf Winkelmann die Produkte der Literaturkurse
zu Büchern verarbeitete. Es erschienen ingesamt fünf Bücher von
Kriminalgeschichten 1983 bis zu Alltagsgeschichten 1987, jedes zu dem
Schwerpunktthema der Literaturkurse.
Also hätte die Story eigentlich im ersten Band dieser Reihe erscheinen
sollen, aber sie war einfach zu lang. Kaum hatte ich angefangen zu
schreiben, waren schon 15 Seiten in meine Uraltschreibmaschine geklackert.
Dabei hätte ich maximal 2000 Worte verwenden dürfen; wenn's doch wenigstens
2000 verschiedenen Worte gewesen wären! Wer kann mit so wenig Worten
schon eine sinnvolle Story schreiben? Ich nicht, meine Lieben! Und so
erschien eine völlig andere Geschichte in besagtem Büchlein, die Leben
im Schatten heißt und nur ein paar Adjektive von mir enthält.
Den Rest hatte meine Süße von einem unbekannten Autor abgeschrieben.
Jetzt aber viel Spaß beim Lesen!
27. Juni 1997
...für Heidi und Marietta
`Der ist aber tot! Mausetot, sogar', denke ich, als mir
Leutnant Fröhlich die Bilder des Kadavers in die Hände drückt. 'Doch es
ist ein typischer Toter', ärgere ich mich, denn ich mag diese gewöhnlichen
Fälle nicht, die sich alle Nase lang ereignen. Ich entschließe mich also
den Fall wieder abzugeben, da kommen mir die Worte meiner Vermieterin
in Erinnerung.
`Ihr Heiligen!' Ich werde mich wohl oder übel mit der Lapalie
herumärgern müssen. Außerdem habe ich mir von der Anzahlung schon
einen kleinen Cola-Vorrat angelegt, so daß der
Zaster bereits zum Teufel ist. Sei's drum!
Ich fahre fort, die faltige Visage des Kadavers zu studieren, dessen
Mund unverschämt weit offen steht. Weiße Reihen
blitzender Jacketkronen, eine hübscher als die andere, fallen mir sofort
auf und werden irgendwo in meinen grauen Zellen vermerkt.
`Ich wußte gar nicht, daß man als Kadaverbeseitiger so gut
verdient!?' fällt es mir ein. Doch der schlaksig-lange, rothaarige
Typ auf dem Bild in meiner Hand ist (besser: war) selbiges von Beruf.
Sein Hals wirkt trotz der überwältigenden Körperlänge gestreckt, was
daran liegen muß, daß man ihn an einem Strick hängend gefunden hat.
Ich lege die Bilder auf den Schreibtisch und nehme mir
noch einmal die beiden Zeugenberichte vor. Fröhlich steht neben dem
Schreibtisch und sieht mir zerknirscht bei meinem Studium zu. Dabei
faltet er das Papier, welches mir offiziell ermöglicht Einblick in die
Akten des Morddezernats zu erlangen, geräuschlos immer kleiner zusammen.
Wenn er es so klein hat, daß es nicht mehr zu sehen ist, wird er mich
aller Wahrscheinlichkeit nach 'rausschmeißen, doch ich habe nicht vor,
so lange zu warten.
Die Berichte sind vollkommen unterschiedlicher Natur. Beide Zeugen,
ein älteres Ehepaar, sagen teilweise gegensätzliches aus, vor allem,
was die Silhouette des flüchtenden Täters angeht. (Einigkeit herrscht
in den Aussagen eigentlich
nur darin, daß beide einen Sarg für ihre verstorbene Großmutter kaufen
wollten.)
Während die Frau beschwört, daß der flüchtende Täter
mindestens 2 Meter groß, kleiderschrankartig gebaut und mit glattem
Haar versehen war, besteht der männlche Part des Duos darauf, daß der
Gewalttäter ein Gnom von höchstens ``eineinhalb Metern'' mit einem Buckel
und Schuhgröße 53 gewesen war.
Die eingeleitete Fahndung Fröhlichs Plattfüßer nach einem
eineinhalb bis zwei Meter messendem Gnom-Riesen mit glattem Haar und
Schuhgröße 53 war ergebnislos verlaufen. Da andere Ermittlungen ebenfalls
scheiterten, wurde der Fall ad acta gelegt.
Warum ich mich dann dafür interessiere? Ganz einfach!
Spulen wir den Film genau einen Tag zurück...
Ich saß also gestern in meinem Büro und hatte es mir gemütlich
gemacht. Die Beine lagen überkreuz auf der Schreibtischplatte vor mir,
ich manikürte die Fingernägel mit einem
spitzen Bleistift und wartete. Wartete auf eine Erleuchtung oder einen
Klienten. Denn vor knapp einer halben Stunde hatte mir die Vermieterin
meines Büroraums angedeutet, daß ich mich schon mal nach etwas geeignetem
umsehen müßte, sollte ich nicht innerhalb einer Woche die Miete, die
ich ihr noch schuldete, aufgetrieben haben.
Ich hatte ihr mein freundlichstes Lächeln geschenkt, doch diese Art von
Bezahlung schien dem alten Drachen gar nicht zu gefallen. Also verschwand
ich in (noch) meinen vier Wänden und knallte die Tür hinter mir zu.
Es war genau dieselbe Tür, auf die in Goldbuchstaben
Privatdetektei
gemalt war, und die jetzt aufgerissen wurde...
Ein verdammt hübscher, blonder Wuschelkopf, anfang zwanzig
stürmte herein, rutschte schluchzend in den Sessel mir gegenüber und
warf mir dabei ein Bündel 100 Dollar-Scheine zu, das ich gekonnt auffing.
Das war die Art von Kundschaft, auf die ich gewartet hatte!
Ich prüfte kurz die Echtheit der Scheinchen. Dann erhob ich mich, setzte
mein Sonntagsgesicht auf, schloß die Tür, welche die Hereinstürmende
offen gelassen hatte, legte die Hände auf ihre zuckenden Schultern und
sprach beruhigend auf meine Retterin ein.
``Aber, aber, was haben wir denn?'' versuchte ich es.
Das Schluchzen wurde lauter.
``Ein so hübsches Mädchen wie Sie, darf sich doch nicht so
gehen lassen. Das ist ja wirklich zum Heulen!'' Das Schluchzen wurde
noch lauter.
``Verdammt noch mal, hören Sie endlich auf mein Büro zu
überfluten!'' fuhr ich sie also an und fügte hinzu: ``Ich kann nämlich
nicht schwimmen!'' Das wirkte. Sie pfiff ihre Tränendrüsen zurück und
blickte auf.
`Ihr Heiligen!'
Schulterlanges blond-gelocktes Haar, umrahmte ihr mädchenhaftes Gesicht,
dessen volle rote Lippen mich magisch anzogen. Ihre geheimnisvollen
grünen Augen blitzten.
Nie werde ich diesen tot-traurigen Blick vergessen, den
Sie mir schenkte. Ich mußte mich ehrlich gesagt fest zusammenreißen,
um nicht wegen der personifizierten Versuchung, dort vor mir, aus den
Latschen zu kippen. Mein Herz setzte jedefalls für ein oder zwei
Minuten aus und legte dann einen Doppelschlag zu, um den Rückstand
wieder einzuholen. Galant reichte ich ihr mein Taschentuch, damit sie
ihre Tränen trocknen konnte.
``Danke!'' hauchte sie.
Mein Herz setzte erneut aus...
Nachdem wir so wohl eine Viertelstunde lang, Auge in Auge gestanden
bzw. gesessen hatten (ich konnte natürlich verstehen, daß ein, so gut
aussehender Typ wie ich, sie interessieren mußte), kam sie endlich
zum Thema.
``Sie sind Rick Norman, nehme ich an?''
``In der Tat, mein Fräulein.'' erwiderte ich in bester Laune.
Aber Sie dürfen mich ruhig ``Chicago'' nennen, wie alle meine Freunde.
``Also gut, Chicago. Wenn Sie dafür ``Helen'' zu mir sagen.''
``Okay, Helen. Nachdem wir nun die Formalitäten erledigt haben. Wohin
gehen wir heute abend zum Essen?''
``Einen Moment bitte, Mr. Chicago!'' durchkreuzt sie eiskalt
meine abendlichen Pläne.``Ich will sie als Privatdetektiv engagieren,
nicht als Liebhaber, davon habe ich nämlich zur Zeit die Nase voll.''
``So, so.'' Meine Stimme klang dienstlich. Ich setzte mich
wieder in meinen Sessel und sagte: ``Na, dann. Schießen Sie los!''
Was kam, war eine herzzerreißende Story, die jeden Hollywoodregisseur
glatt vom Hocker gehauen hätte.
Ihr voller Name lautete Helen York. Sie war als Waise aufgewachsen und
hatte nach ihrer Entlassung aus dem Waisenhaus einen Job als Stenotypistin
angenommen. Als sich dann ihr Chef an sie heranmachte, hatte sie nicht
die Kraft gehabt ``nein'' zu sagen. Sie heiratete, doch das Glück war
nur von kurzer Dauer. Kein halbes Jahr später starb ihr Mann an einem
Unfall. Danach lernte sie einen gutsituierten Beerdigungsunternehmer
kennen und lieben. Dank seines Geldes ermöglichte er ihr, sich ihren
schönsten Traum zu erfüllen, nämlich die Schauspielschule in New York
zu besuchen.
Nun hatte sie dort vor wenigen Tagen erst, ein Brief erreicht, den
die Post irgendwie verschlammpt haben mußte,
denn er war bereits über einen Monat alt. Ihr wurde mitgeteilt, sie
solle möglichst schnell nach Hause kommen, ihr Geliebter sei in seinen
Geschäftsräumen ermordet aufgefunden worden. Hals über Kopf, hatte sie
das nächste Flugzeug bestiegen und war hierher nach Chicago gekommen.
Der Anwalt Yorks sprach ihr sein Beileid aus und übergab ihr das
testamentarische Erbe, immerhin eine 6 stellige Summe.
Dann besuchte sie die Polizei, doch alles, was sie in Erfahrung brachte
war, daß der Fall als ungeklärt ad acta gelegt wurde, nachdem die
Ermittlungen im Sand verlaufen waren.
Also hatte sie sich auf die Suche nach einem Privatdetektiv gemacht und
mich gefunden. Das war alles.
``Sie haben keinen Verdacht, wer ihrem Freund ans Leder wollte,
oder?'' fragte ich in gleichgültigem Ton nach, als sie geendet hatte.
``Nun, ich weiß natürlich nichts genaues. Um die geschäftlichen Dinge
habe ich mich nie gekümmert. Aber einmal hörte
Alfred sagen, daß ihm Thomas Wesson, seine Konkurrenz in der 48ten
Straße, ganz schön auf den Füßen stehen würde. Doch was das im einzelnen
bedeutet...''
Sie ließ den Satz offen.
``Das ist zwar nicht viel, aber immerhin schon ein Ansatzpunkt.'' erklärte
ich unverbindlich. Die Schlappe von vorhin,
wollte mir immer noch nicht so richtig in den Kopf.
``Sonst keine Verdächtigen?''
``Nein, ich glaube nicht.''
``Okay, Mrs. Helen. Ich werde mich um die Angelegenheit kümmern.''
``Und was die Bezahlung angeht...''
``Ist das hier mehr als genug!'' fiel ich ihr ins Wort und
entlasse sie mit einem
``Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich an.''
Als die Tür hinter ihr ins Schloß fiel, ging ich zum Bücherregal und
griff hinter die Shakespeare Attrappen, die
meinem Büro einen seriösen Touch verleihen. Meine letzte Cola-Dose
kam zum Vorschein. Ich riß sie auf, trank, damit meine Denkprozesse in
Schwung kamen und warf die leere Dose in den Abfalleimer. Dann verließ
ich das Haus, um meinen neuen Fall zu feiern. Endlich wieder ein Fall
für Chicago!
Ich lege die Akten zurück und erhebe mich. Mit einem Satz
ist Fröhlich bei mir, legt die Hand auf meine Schulter und schiebt mich
mit seinem freundlichsten Lächeln durch die Tür.
``Tschüss, Chicago'', sagt er dabei.
``Biszum nächsten Mal, Frohlic!'' grinse ich ihn an und mache mich aus
dem Staub. Sein Fußtritt verfehlt mich nur
knapp.
Draußen, vor dem Polizeigebäude, weht ein warmer Wind die
Straße herunter. Das Wetter ist herrlich, sonnig. Die Eisverkäufer haben
Hochkonjunktur, während der Absatz in den Hamburgerschuppen stagniert.
Ich beschließe, den Weg bis zur 48ten Straße zu Fuß zurückzulegen und
marschiere los.
Ein grauer Buick hält neben mir am Straßenrand.
Eine böse Vorahnung überkommt mich, doch zu spät. Die Hintertür öffnet
sich, zwei affenartig behaarte Hände greifen nach mir, bekommen meine
Jacke zu fassen und zerren mich in den Wagen. Dort stößt mein Kopf mit
einem Sandsack zusammen, so daß plötzlich bunte Lichter vor meinen Augen
tanzen. Dann schaltet jemand den Strom ab. Dennoch habe ich die Visage
des Schlägers unauslöschlich in meinen grauen Zellen gespeichert. Er
wird es bitter bereuen!
Ein lautes Brummen weckt mich. Ich blicke auf, und versuche mir an
den Kopf zu fassen, doch ich bin gelähmt.
Meine Augen haben sich erst jetzt an das Dämmerlicht, das mich einhüllt
gewöhnt. Ich sitze in einem kleinen, quadratischen Raum ohne Fenster und
Einrichtung. Ein paar blasse Stellen auf der Tapete zeigen, daß hier
früher einmal Bilder hingen, heute hängen nur noch Spinnweben von der
Decke herab.
Ich selbst sitze auf einem Stuhl, von oben bis unten gefesselt,
kitschfilmmäßig. Das Brummen ist immer noch da, erst jetzt merke ich,
daß es mein Kopf ist, der das Geräusch fabriziert.
Ich mache ``Psst!'' und er verstummt.
Eine Etage über mir geht eine Klospülung. Sie macht jedoch so einen
Krach, daß man sie ohne weiteres mit einem zu tief fliegendem Flugzeug
verwechseln kann. Ich versuche also mich auf irgendetwas anderes zu
konzentrieren, damit mein Kopf nicht auseinanderfällt.
Mein Blick ruht auf dem Knoten, welcher das Seil, das mich so fesselt,
zusammenhält. Irgendwo in meinem Gehirnkasten macht es Klick! Meine grauen
Zellen zählen an ihren zehn Fingern ab und kommen zu dem Ergebnis, daß
ich diese Art von Knoten bereits kenne. derselbe befand sich nämlich
an dem Seil, an dem die Plattfüßer den Kadaverbeseitiger aufgefunden
hatten. Mir scheint, ich bin auf der richtigen Spur!
Vor der einzigen Tür des Raumes, mir direkt gegenüber,
höre ich tappende Schritte. Der dazugehörige Typ steckt einen Schlüssel
in das altmodisch verziehrte Schloß und schließt auf. Die Tür öffnet
sich und Sandsack tritt ein. Ich erkenne ihn sofort wieder. Diese Visage
mit der windschiefen Nase (anscheined mehrmals gebrochen), den riesigen
Segelohren, den Affenpranken und der Schlägermütze auf dem haarigen
Schädel, ist unverwechselbar.
``Hallo, Kleiner'', sagt er. Dabei grinst er mich zurückgeblieben an.
``Nett Dich zu sehen, Sandy'', erwiedere ich. ``Könntest du
mir nicht eben die Fesseln abnehmen und dich ergeben? Du würdest mir
eine ganze Menge Arbeit ersparen und ich wäre bereit, die Sache mit dem
Sandsack zu vergessen.''
Sein Grinsen wird breiter.
``Kleiner, du gefällst mir. Aber wenn du mich für dumm verkaufen willst,
mußt du schon früher aufstehen. Ich bin nämlich nicht blöd!''
``Wer sagt denn, daß du blöd bist, Sandy? Im Gegenteil, ich
finde, wenn du meinen Vorschlag akzeptierst, bist du sogar ausgesprochen
schlau!''
``Nichts zu machen, Kleiner. Wenn ich mich gegen den Chef
stelle, macht's irgendwann mal Bumm!, und ich liege mit einem Loch im
Bauch in der Gosse. Nein, Danke.''
``Aber, wer wird denn so pessimistisch sein...'', beginne
ich, doch es hat keinen Zweck. Sandsack zieht eine 7.45er und entsichert
sie. Dann bindet er mich los, wobei er keinerlei Schwierigkeiten hat, den
Knoten, der meine Hände zusammenhält aufzubekommen. Er dürfte mich also
verpackt haben, womit der erste Tatverdächtige bereits aufgestöbert wäre.
``Hände über den Kopf und vorwärts!'' befiehlt er.
Ich füge mich und marschiere durch die Tür. Es geht einen schmalen,
dunklen Korridor entlang, dann nach links, wieder in einen Korridor,
dann rechts, eine Treppe hoch, nochmal rechts... Nach weiteren Treppen,
Korridoren und Abzweigungen stehen wir endlich vor einer Tür.
``Aufmachen!'' kommt es von Sandsack.
Ich öffne also und trete in den dahinterliegenden Raum. Dieser ist
hell erleuchtet. Es handelt sich um ein Wohnzimmer mit anschließender
Bar. Das ganze ist rechts gemütlich und teuer eingerichtet, also lasse
ich mich in einen der riesigen Lederarmsessel fallen.
Der Typ an der Bar scheint mein Eintreten nicht wahrgenommen zu haben.
``Der Besucher, Chef'', sagt Sandy und schließt die Tür von
außen.
``Gin Tonic, Scotch, Whisky?'' kommt es hinter dem Tresen
hervor.
``Danke.'' gebe ich zurück. ``Cola pur, wenn sie haben.''
Einen Moment sieht er mich erstaunt an. Sein Gesicht erscheint
zeitlos. Das pomadige Haar trägt er glatt zurückgekämmt. Sein schwarzer
Nadelstreifenanzug sitzt tadellos. Nur seine hellblauen Augen, fallen
irgendwie aus dem Rahmen.
Er greift unter die Theke und endlich bekomme ich etwas
zu trinken.
``Darf ich fragen, wem ich die Ehre meines Hierseins zu verdanken
habe und ob Sie ihre Partygäste immer mit dem Sandsack von der Straße
auflesen?''
``Sie dürfen'', sagt Glitzerfratze und setzt sich mir gegenüber. ``Mein
Name ist Thomas Wesson.''
`Aha!' denke ich bei mir.
``Natürlich weiß ich, daß Mrs. York gestern bei Ihnen war
Ihnen den Auftrag gab, etwas über den Tod ihres Mannes, Alfred York,
herauszufinden. Schade ist nur, daß Sie sich auf den Fall eingelassen
haben, denn diejenigen, die hinter dem Mord stehen, werden Sie nie
erwischen können.''
Er zögert kurz.
``Es war das Syndikat!''
`Verdammt!' durchzuckt es mich. 'Auf was für ein Wespennest bist du
denn hier gestoßen?'
Aber ich wäre nicht Chicago, wenn mich diese neue Perspektive
abschrecken würde.
``Sie glauben also, daß die Mafia hinter dem Mord steckt?''
frage ich. ``Haben Sie irgendwelche Beweise für Ihre Behauptung?''
``Eigentlich keine Konkreten. Aber jeder weiß, daß der alte
York nie Schutzgebühren bezahlt hat, womit er sich immer brüstete. Man
kann daher vermuten, daß er ebenfalls zu den Mafiosis zählte, nicht
zuletzt war er italienischer Abstammung. Dann ist es natürlich keine
Schwierigkeit mehr zwei und zwei zusammenzuzählen und zu vermuten, daß
der alte York bei einer Bandenfehde unter die Räder geriet. Denen ist
doch ein Menschenleben ganau soviel wert.''
Glitzerfratze schnippt mit den Fingern.
``Das wäre natürlich eine Möglichkeit'', gebe ich zu.
``Was das ganze vielleicht noch erhärtet ist, daß die Geschäftsräume
bisher noch nicht weitervermietet wurden und
Sie wissen ja, hier auf der 48ten bleiben solche Räume, wegen der guten
Lage, nie länger als ein paar Tage leerstehen.''
``Hat denn Mrs. York das ganze nicht geerbt? Das wäre doch
eine mögliche Schlußfolgerung, da sie doch erst vor wenigen Tagen von
dem Mord erfuhr.''
``Nein, Mr. Norman. Helen, ich meine natürlich Mrs. York,
hat nur das Privathaus, sowie sein gesamtes Vermögen geerbt. Der Anwalt
des alten York, gibt eine gewisse ``Experimental Corp.'' als Besitzer des
Geschäftshauses an. Wenn sie im Telefonbuch nachschauen sollten, diese
Firma existiert nicht!''
``Das wäre in der Tat ein Hinweis auf die Vergangenheit von
Mr. York. Aber, gestatten Sie mir noch eine Frage. Wie kommt es, daß
sie Mrs. York so gut kennen?''
``Nichts ist leichter als das zu klären!''
Sein Zahnpastalächeln ist werbespotreif.
``Helen und ich kennen uns schon eine ganze Weile. Ungefähr solange
sie beim alten York ist. Wir hatten, sozusagen,
ein Verhältnis miteinander.''
`Tatverdächtiger Nummer zwei', denke ich. 'Sogar mit Tatmotiv.'
``Woher wissen Sie aber, daß Mrs. York mich engagiert hat
und wie ihr Erbe aussieht?''
``Sie hat es mir erzählt. Als sie gestern aus New York kam,
fand sie zu Hause natürlich niemanden vor, also kam sie zu mir und weinte
sich erst einmal richtig aus.''
`So, so.' denke ich. 'Die Rolle 'Entfesselte Tränendrüse'
spielt sie also am liebsten.'
``Na, dann'', sage ich und erhebe mich. Da fällt mir noch etwas ein.
``Warum haben Sie eigentlich Ihren Gorilla losgeschickt, um
mich hierherzuholen?''
``Ach, das'', sagt er und sieht mich entschuldigend an.
`'Wirklich, ich habe ihm gesagt 'Hole Mr. Norman zu Hause ab und erkläre
ihm alles!', aber er muß mich mißverstanden haben. Aber Sie wissen ja,
das Personal heutzutage...''
Er erhebt sich ebenfalls und begleitet mich zur Tür.
``Sandy wird sie nach draußen bringen'', sagt er freundlichst und gibt
mir einen Klaps auf die Schulter.
``Und vergessen Sie nicht, an dem Fall verbrennen Sie sich
die Finger. Wirklich, ich meine es nur gut mit Ihnen. Noch etwas, ich, nun
Mrs. York weiß nichts von den Verbindungen, die der alte York besaß. Ich
wäre Ihnen dankbar, wenn sie sie nicht darauf ansprechen würden.''
``Aber natürlich'', grinse ich ihn breit an. ``Bis zum nächsten Mal.''
``Guten Tag, Mr. Norman.''
Die Tür fällt hinter mir ins Schloß. Ich glaube plötzlich
eine Frauenstimme aus dem Zimmer hinter mir dringen zu hören. Doch Sandy
stolpert beim Gehen ständig über seine viel zu großen Füße und macht so
einen Krach, daß man kaum sein eigenes Wort verstehen kann. Das 'geht
also auch so', das ich gehört zu haben glaube, würde jedenfalls ins
Bild passen.
Draußen, auf der 48ten Straße, schlägt mir eine Welle von
Verkehrslärm entgegen und bricht sich in meinen Ohren. Doch dieses
Geräusch wird jedem, der hier in Chicago geboren ist, bereits mit in
die Wiege gelegt, so daß er wohl ohne den Lärm einen Nervenzusammenbruch
bekommen oder zumindest unter schweren Depressionen leiden würde.
Ich stecke jedenfalls die Hände in die Hosentaschen und
marschiere schnurstracks zu den ehemaligen Geschäftsräumen des
Kadaverbeseitigers Alfred York.
Vorübergehend verlangsamt sich jedoch meine Schrittfrequenz, denn
eine ausnehmend hübsche, zweibeinige und dunkelhaarige Biene kommt
mir entgegen. Ihre sonst schulterlangen
Haare sind zum Pferdeschwanz hochgesteckt, eine Seite wird von einem
Kämmchen gehalten. Meine Lieblingsfrisur! Die vollen Lippen, die einen
faszinierenden Schmollmund abgeben, das 'nicht zu viel' vom Make up und
der dezente Ausschnitt, vermengen sich mit ihren schwingenden Hüften zu
einem aufreizenden Gesamtbild.
`Nichts für dich, mein Freund', reiße ich mich zusammen.
Dann ist sie auch schon an mir vorbeigerauscht, nur die
Parfümwolke, die ihr wie ein kleines Hündchen folgt, hüllt mich noch
ein, dann ist auch das vorüber. Meine Gedanken sind wieder auf ein
anderes Ziel gerichtet.
Dort angekommen, spähe ich durch die großen Geschäftsfenster in deren
Auslagen immer noch Kadaverkisten in Eiche,
Mahagoni und Ahorn stehen und versuche einen Blick in die Geschäftsräume
zu werfen. Was ich sehe gefällt mir gar nicht. Anscheined hat
Glitzerfratze mit seiner Vermutung recht gehabt, denn es ist alles noch
so, wie es im Polizeibericht gestanden hat. Der Laden scheint nur eben von
seinem Besitzer verlassen worden zu sein, für die Dauer eine Hamburgers,
oder eine dringende geschäftliche Sache an einem gewissen Örtchen...
Die Ladentür widersteht genau 2 Sekunden meinen Fähigkeiten
mit der, leider überzogenen, Kreditkarte, dann bin ich auch schon
dahinter verschwunden. Auf dem Schreibtisch im ersten Raum finde
ich ein Schild mit der Aufschrift: GESCHLOSSEN, das ich an die
Tür hänge, bevor ich mich den hinteren Räumen widme. Ich durchsuche
das Büro, sowie die dahinterliegende Werkstatt, doch es ist nicht
auffälliges zu entdecken. Frohlics Spurenverwischer haben gründliche
Arbeit geleistet. Nun, ja.
Zuletzt betrete ich das Lager, wo die fertigen Kadaverkisten auf ihre
Füllung warten. Fein säuberlich, nach den Holzarten sortiert steht
hier eine Kiste auf der anderen bis zu
einer Höhe von fast 2 Metern. Sicherungsstützen halten die
Stapel aufrecht.
`Es ist zu dunkel', ärgere ich mich, 'um zu sehen, ob etwas dahinter
ist.'
Ich mache mich also auf die Suche nach einem Schalter, da
ertönt eine schneidende Stimme, welche mich zusammen mit einer Duftwolke
erreicht, die mir nicht unbekannt erscheint.
``Keine falsche Bewegung, oder ich schieße!''
Gleichzeitig flammt die Lagerbeleuchtung auf und brennt sich hell in
meine Netzhäute. Vorsichtig drehe ich mich herum, damit ich der Stimme
ins Gesicht schauen kann.
Edelkatzenähnliche, unendlich tiefe, braune Augen fesseln
mich. 'Ihr Heiligen!' Es ist die dunkelhaarige Biene, die vorhin noch
an mir vorbeigesummt ist. Doch welche Verwandlung hat sie durchgemacht!
Ihre Züge wirken gespannt, absolut unfraulich steht sie dort mit einer
45er Magnum in beiden Händen, die auf meinen Bauch gerichtet ist.
Ich hebe abwehrend die Hände und gehe langsam einen
Schritt zurück.
``Einen Moment, meine Liebe'', sage ich. ``Weißt Du eigentlich wie leicht
so ein Ding losgehen kann? Außerdem hast Du
den Sicherungshebel ja gar nicht...'' versuche ich den alten Trick, doch
sie zuckt noch nicht einmal mit der Wimper.
``Schön langsam umdrehen und nicht vergessen die Pfoten
oben zu lassen!'' befiehlt sie. Ich erfülle ihren Wunsch, lasse mich dann
aber nach links fallen und rolle mich ab. Leider gelingt mein Manöver,
das mich in die Sicherheit eines Mahagoni-Sargstapels bringen sollte,
nicht ganz. Ich bleibe mit einem Fuß hängen und reiße zwei der Stützen
um, die die umliegenden Stapel aufrecht gehalten haben. Bisher. Jetzt
krachen die ehemals oberen Kadaverkisten auf's Parkettt und lassen einen
Höllenlärm los.
Angespannt liege ich da. Die Frage, ob die Edelkatze geschoßen hat oder
nicht, beantwortet mein Ego damit, daß keine neue Öffnung in meinem
Körper verzeichnet ist. Vorsichtig blicke ich auf und sehe, wie Kitty,
mich gar nicht beachtend, dorthin starrt, wo eben noch die Sargstapel
gestanden haben.
``Können wir jetzt endlich mit dem Wild-West aufhören,
Kitty?'' lasse ich mich vernehmen. ``Ich bin Privatdetektiv Rick Norman,
hier ist mein Ausweis.''
Der Lappen fliegt ihr vor die Füße. Sie hebt ihn auf.
Ich erhebe mich ebenfalls, und klopfe den Staub von meiner Jacke.
``Okay, Mr. Norman. Wenn wir schon einmal dabei sind. Ich
bin Maryett Laugham und arbeite für's FBI.''
Mir fallen beinahe die Ohren ab. Sie zeigt mir kurz ihre
ID-Karte und gibt mir meinen Lappen zurück. Dann sagen wir unseren
Spruch auf.
Ihre Agentur hatte ebenfalls einen heißen Tipp eines ihrer
V-Männer bekommen, der sie direkt hierher zum alten York führte. Als sie
mich sah, dachte sie natürlich, ich sei einer vom Syndikat, der noch
vorhandene Spuren beseitigen wollte, also hatte sie kurz entschloßen
gezogen.
``Macht nichts'', sage ich und gebe meiner Stimme einen beruhigenden
Klang, ``zum Glück hast Du Deinen nervösen Zeigefinger heute zu Hause
gelassen.''
``Wirklich zum Glück für Sie, Chicago! Aber genug palavert,
schauen wir uns lieber den Raum an, den Sie durch Ihren Heldensturz
sichtbar gemacht haben.''
``Heldensprung.'' verbessere ich sie gewissenpflichtig und
helfe ihr, auch wenn sie abwehrend den Arm hebt, über die kreuz und quer
liegenden Kadaverkisten hinweg. Das Schloß ist für meine Kreditkarte
zu kompliziert, doch es dauert keine 10 Sekunden und Maryett bittet
mich einzutreten.
Der Raum ist dunkel, weil fensterlos. Doch die Lagerbeleuchtung stellt
einigermaßen zufriedenstellenden Lichtverhältnisse her. Die Einrichtung
wirkt abstoßend: Zementsäcke,
Zementschüsseln, Wasseranschluß, Stricke, sowie mehrere Kanister
Benzin. Auf dem Boden liegt etwas. Ich hebe es auf. Es ist ein
Bootsschein, ausgestellt für Alfred York, Eigner der 'Heavenqueen', ein
schnittiges Motorboot, wie ein beigefügtes Bild zeigt.
``Das wäre dann wohl der letzte Beweis. York hat tatsächlich
für das Syndikat gearbeitet. Ich möchte wirklich wissen, wieviele
hier ein Paar Zementschuhe verpaßt bekommen haben. Dann ab, mit dem
Motorboot auf den Michigansee, Passagiere aussteigen lassen, und wieder
zurückfahren. Eine verdammte Schweinerei ist das!''
``Aber, aber, Kitty!'' sage ich, wobei ich mit den Fingern an
der Wand entlang fahre. ``Wo gehobelt wird, fallen Späne!'' orakel ich
geheimnisvoll und grinse.
``Wo gehobelt wird fallen Späne?'' wiederholt sie fragend
meine Worte.
``Dasselbe erlaubte ich mir zu bemerken'', fahre ich geschwollen fort. Mir
ist die Sache klar!
``Mit ein bißchen Anstrengung, Deines außergewöhnlich hübschen
Denkkastens, würdest Du auf dieselbe Idee wie ich kommen. Aber...,
nun, ja.''
``Gib nicht so an, Chicago! Du willst Dich doch nur aufspielen. Für
mich ist der Fall klar. York war ein Mafiosi und
ist anscheinend bei einer Bandenfehde unter die Räder gekommen.
`Diese Version kenne ich doch? Warum sind die Menschen nur
so phantasielos?'
``Dieser Raum sollte erst einaml von der Spurensicherung
unter die Lupe genommen werden, dann werden wir weitersehen.''
``Okay, Schatz'', gebe ich mich scheinbar geschlagen, und
ernte einen bitterbösen Blick. ``Lasse aber vor allem den Bootsschein
untersuchen. Ich befürchte zwar, daß Yorks Fingerabdrücke drauf sein
werden, aber vielleicht solltest Du das Datum genauer untersuchen lassen.''
``Vielen Dank, für den Tipp, Du Angeber!'' sagt sie und verschwindet.
Ich fahre noch einmal mit dem Finger an der Wand entlang.
Dann mache ich mich ebenfalls aus dem Staub.
Auf dem weg zu meinem Büro, bleibe ich noch schnell an einem der
Hamburgerstände stehen, um die Konjunktur wiederzubeleben. Unterdessen
sind meine grauen Zellen eifrig damit
beschäftigt, die verbleibenden Rätsel zu lösen.
Dann endlich in meinen eigenen vier Wänden angekommen,
klemme ich mich gleich hinter das Telefon und fähre ein interessantes
Gespräch mit dem Schauspielinternat, welches Helen York bis vor
kurzem besuchte.
Gleich danach rufe ich bei der Mordkommission an, wobei ich
die Durchwahlnummer von Leutnant Fröhlichs Schreibtisch benutze.
Es klingelt einmal am Ende der Leitung, dann klefft Frohlic auch schon
ins Rohr. Ich gebe meiner Stimme einen hohen Fistelton und sage:
``Hallo! Ist da die Polizei?'' ``Natürlcih ist hier die Polizei, Du
Scherzbold! Wer hat Dir
eigentlich die Nummer von meinem Schreibtisch verraten, Chicago?''
``Das tut, jetzt nichts zur Sache'', flüstere ich geheimnisvoll, ein
wenig verwirrt, weil er mich sofort erkannt hat.
`'Ich wollte Dir nur mitteilen, daß Du heute abend, um viertel nach Acht,
mit einem Rudel Greifer beim Privathaus von Thomas Wesson vorbeischauen
solltest, aber auf keinen Fall eher! Es werden ein paar Pakete abzuholen
sein.''
``Moment mal, Chicago. Wer sagt mir denn, daß Du nicht...''
Frohlics Stimme verstummt mit einem Mal, als ich den Hörer auf die
Gabel zurücklege.
Ein weiteres Gespräch, läßt Wesson erfahren, daß ich heute
abend um zwanzig Uhr bei ihm eintreffen würde, um ihn über mein
Fortschreiten im Fall York zu unterrichten. Ich erfahre, daß Helen
ebenfalls anwesend sein wird, was mir nur Recht ist, denn dann habe ich
ja schon alle zusammen, die ich brauche.
Doch jetzt erscheint es mir angebracht, nach dem vielen
Nachdenken in letzter Zeit, ein kleines Nickerchen zu machen. Ich leere
also schnell noch eine Dose, dann sind auch schon die Lampen aus.
Gegen neunzehn Uhr weckt mich eine Höllenmaschine von Wecker derart
abrupt, daß ich von der Couch falle. Kaum bin ich
in meinen Wagen gesprungen, greife ich auch schon unter den Beifahrersitz
und fördere eine Flasche meiner flüssigen Nahrung zutage und leere sie
in langen Zügen, damit wäre das Abendessen abgeschloßen.
Bevor ich jedoch in die 48te Straße fahre, um dem Geschäftshaus von
Glitzerfratze einen kurzen Besuch abzustatten, halte ich noch am
Flughafen, wo ich hollywoodmäßig meinen Lappen vorzeige und einige
Angestellte auf Trab bringe,
dann habe ich auch schon die notwendigen Informationen, die mir noch
fehlten.
Das Gebäude, welches das Kadaverbeseitigungsinstitut
Wesson & Company beherbergt, betrete ich durch den
Lieferanteneingang. Darauf vertrauend, daß Glitzerfratze sich an meinen
Termin hält, mache ich mir nicht die Mühe besonders vorsichtig zu
sein. Schließlich habe ich eine genaue Zeit vorgegeben, damit ich bei
meinem Einbruch die nötige Zeit habe.
Mit der notwendigen Ruhe, durchsuche ich also den Bau,
klopfe Wände ab und suche nach verborgenen Türen. Doch das, was mir
vorschwebt, kann ich nicht finden. Schließlich stehe ich wieder in dem
großen Wohnzimmer mit der ausgedehnten Bar und bin, im Moment wenigstens,
ratlos.
Dieser Zustand wird durch ein leises Klicken unterbrochen.
Ich fahre herum und sehe in die Mündung von Sandys 7.45er. Seine
Gesichtszüge entgleisen, voller Freude mich überlistet zu haben.
``Hat der Chef also tatsächlich Recht gehabt.'' sagt er und
nickt mir aufheiternd zu. ``Leider ist Mr. Wesson ein wenig zu schlau für
Dich, Schnüffler. Aber ich werde Dir zeigen, daß auch wir ein Herz haben.''
Sein Grinsen wird breiter, als er, mich immer noch in
Schach haltend, an einem Barhocker dreht. Gleich darauf verschwindet
ein Teil der Wand. Der dahinterliegende Raum ist genau der, den ich die
ganze Zeit vergebens gesucht habe.
Sandy bedeutet mir einzutreten. Ein Aufbegehren meinerseits wäre
sinnlos, also schweige ich. Ich betrete den Raum,
dann schließt sich die Tür.
Meiner unbedeutenden Meinung nach dürfte es keine Minute dauern, bis
sie sich wieder öffnet. Denn ich habe gerade einen alten Bekannten im
Spiegel hinter der Bar erkannt. Ich zähle langsam bis siebenundvierzig,
dann gleitet die Wand auch schon zur Seite. In der Öffnung steht, wie
zu erwarten, Maryett Laugham! Sandy hat es sich auf dem Boden gemütlich
gemacht und träumt süß vor sich hin.
``Du machst vielleicht Sachen, Chicago. Läßt Dich einfach
so von diesem Riesenbaby übertölpeln.''
``Zugegeben, aber da ich wußte, daß Du mich beschattetst,
Dein rotes Sportcabrio, war ja auch kaum zu übersehen, habe ich natürlich
mit Deinem Auftauchen gerechnet.''
``Nun gut, Superman'', sagt sie in versöhnlichem Ton, ``wie
geht es weiter?''
``Zuerst werde ich Dir erklären, warum ich diesen Raum hier'',
ich deute mit dem Daumen hinter mich, ``gesucht habe. Wie ich bereits
sagte, wo gehobelt wird fallen Späne.''
Ich fahre mit dem Finger die Wand entlang und trete aus dem
geheimen Raum heraus auf sie zu und halte ihr den Zeigefinger unter die
süße Nase.
Schullehrerhaft frage ich: ``Nun, was siehst Du?''
Sie spielt mit und antwortet gretchenhaft: ``Staub, Herr Lehrer!'' Da
klingelt es bei ihr.
``Soll das etwa heißen, daß, als Du dieselbe Übung in Yorks
Institut vollzogen hast, keinen Staub am Finger hattest?''
``Staub schon'', gebe ich zu Antwort, ``aber keinen Zementstaub.''
``Dann heißt die Lösung des Rätsels also, wo zementiert
wird muß auch der dazugehörige Staub zu finden sein. Und ich bin nicht
drauf gekommen.''
``Damit erhältst Du in Kombinatorik eine Eins, setzen.''
fahre ich fort. ``Das läßt aber nur einen Schluß zu, hier wurde zementiert,
in Yorks Haus nicht. Logische Schlußfolgerung, das ganze war eine Falle
mit falschen Indizien.''
``Apropos Indizien'', sagt sie, ``der Bootsschein ist analysiert worden,
und was meinst Du, was die Spezialisten herausgefunden haben?''
``Das der Bootsschein echt, aber die Unterschrift gefälscht
ist und zurückdatiert wurde'', sage ich in gleichgültigem Ton. ``War ja
auch zu erwarten, warum sollte ein Stück echt sein, wenn alles andere
nur Attrappe war?''
``Also, ich glaube ich muß wirklich noch einmal auf die
Schulbank'', sagt sie, wobei sie eifrig bemüht ist, den bewundernden Ton
aus der Stimme zu streichen.
``Aber eins weißt Du noch nicht'', triumphiert sie, ``Was
meinst Du, ist auf einer Ausschnittsvergrößerung des Photos zu sehen?''
``Ägypten?'' versuche ich es.
``Dummer Kerl! Nein, Helen York.''
``Schön'', sage ich und greife mir Sandy. Es wird Zeit zu gehen.
``Was ist denn jetzt schon wieder?'' verzweifelt sie fast.
``Ich habe gleich ein Rendez-vous mit Wesson und Helen und
keine Zeit mehr für weitere Erklärungen. Folge mir unauffällig.''
Sie sieht, das ich es ernst meine und unterwirft sich vorläufig
meinem Diktat.
Unten im Flur warte ich solange, bis sie das Abschleppseil
aus dem Wagen geholt hat, womit ich Sandy zu einem netten Paket
verschnüre. Dann darf er im Kofferraum meines Wagens platznehmen.
Als Maryett und ich am Ziel eintreffen, ist es schon fast
acht Uhr, mir bleibt noch eine Viertelstunde, den Fall aufzuklären.
Der Butler, ein in Ehren ergrauter Herr, mit Messerkampfnarbe,
öffnet. Bevor er noch ein Wort sagen kann, zum Beispiel, daß
Glitzerfratze nur eine Person erwarte, schiebe
ich ihm auch schon meine Visitenkarte zwischen die Zähne, setze ihm
mit einem ``Vielen Dank, aber wir finden uns selbst zurecht!'' meinen Hut
auf. Doch der ist ihm eine Nummer zu klein. Also klopfe ich vorsichtig mit
der Faust oben auf und passe ihn an. Ohnmächtig und für eine Weile auf
Eis gelegt, sinkt er schlaff in Maryetts Arme, so daß ich fast neidisch
werde. Derart nahe waren sie und ich ja noch gar nicht, aber ich träume.
``Pass auf, und warte hier bitte'', sage ich.
``Okay, Chicago.'' sagt sie und blinzelt mir aufmunternd zu.
Im ersten Stock betrete ich das Wohnzimmer, welches in den
Ausmaßen einem Baseballfeld ähnelt. Alles ist vorhanden, was man sich
denken kann. Eine riesige Bar, ausgedehnte Sitzflächen, Kristall en
masse und jede Menge Hydrogemüse. In dem gekachelten Kamin, könnte ohne
Probleme ein 'Elch am Stiel' gegrillt werden.
In einem der Sitzmöbel entdecke ich Helen und Glitzerfratze
bei intensiver Mund-zu-Mund-Beatmung. Ich klopfe also vernehmlich gegen
den Holzrahmen der Tür, in der ich stehe und schrecke sie damit auf.
``Die Feuerwehrübung ist beendet! Guten Abend allerseits.''
beginne ich. ``Ihr Butler war so freundlich mir zu zeigen, wo ich mich
einfinden sollte.''
``Guten Abend, Mr. Chicago'', schallt es mir in Stereo entgegen. Dann
in Mono: ``Darf ich Ihnen einen Drink anbieten?
Cola pur war es doch, nicht wahr?''
``Sie ersparen mir die Bitte'' sage ich einschmeichelnd.
Dann lasse ich mich auch schon in eines der Sesselungetüme sinken.
Helen eröffnet das Spiel.
``Sind Sie mit ihren Ermittlungen, denn schon so weit vorangekommen,
daß diese Zusammenkunft nötig wurde?''
``Doch, das kann man sagen'', erkläre ich gewichtig.
``Darf man erfahren, worauf Sie sich da stützen?'' fragt
Glitzerfratze.
``Sie dürfen'', bekommt er zu Antwort. ``Doch zuerst eine
Frage, Mrs. York. Besitzt oder besser besaß ihr Mann jemals ein
Motorboot?''
``Ein Motorboot?'' wiederholt sie erstaunt. Dem Klang ihrer
Worte entnehme ich, daß sie tatsächlich verblüfft ist. ``Aber nein, auf
keinen Fall! Wie kommen Sie eigentlich darauf?''
``Nun'', setze ich an, ``Als ich die Geschäftsräume Ihres
Mannes einer eingehenden Untersuchung unterzog, fand ich dabei ein
kleines, gut getarntes Hinterzimmer, dessen Ausstattung mich davon
überzeugte, in ein Wespennest getappt zu sein. Das Equipment wurde
eindeutig dazu benutzt, lästigen Zeitgenossen Zementschuhe zu verpassen,
um sie dann im Michigansee im wahrsten Sinne des Wortes 'untertauchen'
zu lassen. Weiterhin fand ich einen Bootsschein, ausgestellt auf Ihren
Mann, Sie werden zugeben, eine merkwürdige Sache.
Helen springt auf und fährt mich zornig an.
``Soll das etwa heißen, Alfred sei ein Verbrecher gewesen?
Das ist ja wohl eine unbeschreibliche...'' An dieser Stelle fehlt eine
Seite im Drehbuch und sie sucht nach Worten.
``Sauerei!'' suffliere ich ihr.
Auch Glitzerfratze hält es nicht mehr auf seinem Sitz.
``Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen Helen nicht mit
der Vergangenheit ihres Mannes belasten!''
Die Partie wird im Stehen weitergespielt, also erhebe auch
ich mich und fahre mit meinen Ausführungen fort. Mein Plan ist nicht
voll aufgegangen. Ich sehe zwar, daß es in Helens Gesicht arbeitet, aber
sie hält sich zurück. Um die Stimmung etwas anzuheizen, ziehe ich das
nächste As aus dem Ärmel.
``Warum regen sie sich eigentlich so auf, Helen? Zu Ihrem
Freund hatten Sie doch schon zu seinen Lebzeiten nicht das allerbeste
Verhältnis, dafür spricht wohl die Liebelei, die Sie mit Mr. Wesson
anfingen. Sollte hinter diesem versteckten Raum mehr stecken, als das
von mir Vermutete?''
``Ich weiß nicht was Sie meinen könnten, Chicago'', gibt sie
giftig zurück.
``Erklären Sie sich und dann verschwinden Sie, Mann!'' sagt
Wesson, weil er es für seine Kavalierspflicht hält.
``Also, gut'', fahre ich fort. ``Dem Bootsschein beigefügt,
war ein Bild des Motorbootes 'Heavenqueen', das angeblich Ihrem Mann
gehörte. Wie kommt es, daß eine Ausschnittsvergrößerung Sie, Helen an
Bord des Schiffes zeigt?''
Touche. Sie explodiert förmlich und schleudert Wesson ein
`'Du Schwein!'' an den Kopf, der daraufhin sichtlich bemüht ist Haltung zu
bewahren. Dennoch schwenkt er jetzt auf der ganzen Linie um. Ein anderer
Wesson kommt zum Vorschein.
Er spielt den Verwirrten!
``Aber Liebling'', sagt er, ``wenn Du wirklich auf dem Boot
warst, dann hast Du mich am Ende mit dem alten gemeinsame Sache gemacht
und mich nur benutzt.''
``Oh, Du gemeiner, hinterhältiger...'', braust Helen auf.
Meine Stimme schneidet ihr das Wort ab.
``Genug mit dem Theather, meine Herrschaften! Bemühen Sie
sich nicht weiter. Setzen Sie sich und hören mir zu, ich bin noch nicht
fertig!''
Obwohl den beiden der Haß ins Gesicht geschrieben steht,
befolgen sie meinen bewußt autoritär gehaltenen Ratschlag.
``Sie beide wissen nun, was sie voneinander zu halten haben. Jeder von
Ihnen hat versucht den anderen aufs Kreuz zu
legen, das Problem, das sie dabei bekommen haben, ist genau 1.85 Meter
groß und steht vor Ihnen.''
Ich deute mit dem Finger auf mich.
``Sie, meine liebe Mrs. York, konnten natülich nicht ahnen,
als sie mich engagierten, daß ich nicht jener dumme, geldgierige,
kleine Privatdetektiv bin, für den Sie mich hielten, und den sie gesucht
haben. Sie waren niemals wirklich daran interessiert den Mörder Ihres
Mannes zu finden. Warum, werde ich Ihnen gleich erklären'', sage ich in
Richtung des verblüfften Wesson.
``Doch zunächst zu Ihnen, Mister. Sie sind Eigner der 'Heavenqueen'
und ebenfalls der Besitzer der Zementschuhfabrik,
die sie mit Sandy beim alten York aufgebaut haben. Ein wirklich feiner
Plan, den sie sich da ausgedacht haben.''
``Was erlauben Sie sich eigentlich?'' begehrt er auf. ``Wer
gibt Ihnen das Recht...?''
``Ich mir selbst'', beantworte ich seine Frage. ``Sie haben
diese falsche Spur gelegt, um von Ihren eigenen Aktivitäten
abzulenken. Sie brauchen gar nicht zu leugnen, Sandy hat vorhin bereits
gesungen.''
Wesson starrt auf die Tischplatte, als wolle er jeden Moment
hineinbeißen. Doch er behält die Kontrolle.
``In Ihrer Eigenschaft, als V-Mann des FBI standen Sie
schon lange in Verdacht selber krumme Geschäfte zu machen, also
brauchten sie jemanden, dem sie den Dreck unterschieben konnten. York
kam Ihnen da gerade recht und besonders seine Frau, die sofort auf Ihre
Glitzerfratze reinfiel, so glaubten sie zumindest. Sie erhielten von Helen
Informationen und liessen York dafür keine Schutzgebühren zahlen. Als
sie alles beisammen hatten, töteten sie York und bauten mit Sandy die
Indizienattrappen ins Spiel ein. Dann riefen Sie Ihren Kontaktmann
an und gaben ihm den Tipp sein Verein solle doch mal beim alten York
vorbeischauen, in der Hoffnung die Attrappen würden gefunden und der
Verdacht fiele auf York.''
``Nicht schlecht, Chicago, nicht schlecht'', unterbricht Wesson meinen
Vortrag. Sein Gesicht zeigt trotz der verfahrenen
Lage einen Hoffnungsschimmer.
``Aber wie soll ich den alten York umgebracht haben? Für
die Tatzeit habe ich ein hieb- und stichfestes Alibi. Ich war nämlich
Gast in einer Talkshow, die zur gleichen Zeit live im Fernsehen übertragen
wurde.''
Sein Zahnpastalächeln geht mir wahnsinnig auf den Zeiger.
``Das habe ich zwar nicht gewußt'', gebe ich zu. Doch das
ist für den Mord auch nicht von Interesse. Wo waren Sie, während der
Tatzeit, Mrs. York?'' wende ich mich Helen zu.
Ihr Gesicht ist zu einer Maske verkniffen. Haß und Wut
fördern ihr wahres ich zutage. Sie bleibt stumm.
``Nun, ich werde Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen.
Haben sie eigentlich Ihren Gibs noch?''
Das ist zuviel. Sie erkennt, daß ich es weiß, daß ich
Herr der Lage bin und das verträgt sie nicht. Zuviel ist in dieser
kurzen Zeit auf sie eingestürmt, die Enttäuschung von Wesson, meine
scheinbare Allwissenheit. Wenn sie gewußt hätte, daß alles nur waghalsige
Kombinationen mit einem Schuß Bluff gewesen ist, würde sie sicher nicht
so handeln, doch es kommt, was ich vermutet habe.
Sie springt auf, ihre Handkante zuckt vor und trifft Wesson in
Schläfenhöhe. Bevor sie weiteres Unheil anrichten
kann, bin ich heran. Doch ich glaube mich zu sicher, versuche sie in
den Schwitzkasten zu nehmen, doch sie knallt mir die Ellebogen in die
Nieren und läßt mich abtropfen, wie einen nassen Sack.
`Au, warte!' schießt es mir durch den Kopf. Ich springe
auf und hechte nach Ihren Beinen, doch bevor ich zugreifen kann, springt
sie hoch und ich knalle der Länge nach auf den Boden. Sie landet auf
meinem Rücken. Ihre Absätze drücken mir ein oder zwei Rippen ein. Zum
Glück ist sie nicht auf meiner Wirbelsäule gelandet. In meiner Wut,
gelingt es mir mich zu erheben und zur Tür zu wanken. Unten fällt
ein Schuß.
Ich schleppe mich zur Tür und sehe Maryett mit qualmendem
Revolver vor Helen stehen, die sich das Loch in ihrem rechten Oberschenkel
zuhält.
``Paß auf!'', rufe ich ihr zu. ``Die ist schlimmer als eine
Kobra.''
``Keine Sorge, Chicago,'' erwidert sie lächelnd. ``Auf Blei kauen
selbst Kobras eine ganze Weile.''
Ich schüttle lachend, wenn auch ein wenig schmerzverzerrt den Kopf. Ein
paar Sirenen ertönen und verkünden die Ankunft der Kavalerie. Nur wenige
Minuten später fällt Frohlics Plattfüßerrudel am Ort des Geschehens ein. Es
herrscht geordnetes Chaos, als der ohnmächtige Wesson, sein Butler und die
Kobra in Stahlarmbändern abgeführt werden.
``Was ich immer noch nicht kapiere ist, wie Du wissen konntest, daß Helen
York ihren mann selbst umgebracht hat.'' Frohlic sieht mich unentschieden
dann.
``Na, gut'', lasse ich mich gnädig herab, ``jetzt noch einmal für die
Landbevölkerung zum Mitschreiben.''
Bevor ich diese Diffamierung fallen lasse, habe ich mich natüprlich
außerhalb Frohlics Beinweite gebracht, der sich auch gleich mit einem
``Was soll das denn heißen?'' seine nicht vorhandene Autorität rauskehrt
und sich kriegerisch umblickt.
``Nichts, nichts'', beschwichtige ich ihn. ``Wie du weißt, habe ich bei
der Schauspielschule angerufen, an der Helen Unterrricht erhielt. Nun, die
Leiterin erlaubte mir ein paar Fragen und ich erfuhr daß Helen zwei Tage
bevor der alte York ermordet wurde, einen Sportunfall hatte, sie brach sich
den Fuß beim Karatetraining. Darufhin meldete sie sich krank, um zur
Genesung für ein paar Tage nach Hause zu fahren.''
``Ich wußte gar nicht, das Schauspieler in fernöstlichen Kampfsportarten
ausgebildet werden'', wirft Frohlic ein.
``Werden sie auch nicht'', beantwortet Maryett an meiner Stelle. ``Aber
es wird gern gesehen, wenn die ausyzubildenden Schauspieler die
unterschiedlichsten sportlichen Disziplinen beherrschen. Helen York
beschränkte sich hierbei auf Marshall Arts, wie Karate, wie Chicago über die
Leiterin der Schule herausfand.''
``Genau,'' sage ich und fahre fort. ``Als ich das erfahren hatte, wußte ich,
das Helen zur Tatzeit in Chicago gewesen ist. Das Tatmotiv war
offensichtlich. Natürlich das Geld des alten York, and das er, wie wir
inzwischen wissen, durch illegale Schmugglergeschäfte gelangte. Nur fragte
ich mich, wie wurde Alfred York erledigt? Wie hat es Helen geschafft, die
Kopf in die Schlinge zu bekommen? Diese Frage spukte mir eine ganze Weile im
Kopf herum, genauso wie die Frage, warum sie mich engagiert hat, obwohl sie
ihn doch selbst umgebracht hat? Nun, letzteres war ja ziemlich einfach zu
beantworten, nachdem ich die freundliche Begegnung mit Glitzerfratze gemacht
hatte.
Sie hoffte, daß ich durch meine Nachforschungen, die Polizei auf die
Aktivitäten von ihrem Ex-Geliebten aufmerksam machen würde, um ihn
loszuwerden.
Auf das andere kam ich erst später. Man darf den Mord nicht als Gesammtes
sehen, hier liegt der Hund nämlich begraben. Der Mord war eben nicht wie folgt
geschehen: Kopf in die Schlinge und dann an dem Balken hochziehen, wozu
zweifellos eine ganze Menge Kraft vonnöten ist, so daß praktisch jede Frau von
vorn herein als Täter ausscheidet. Da aber der Körper des Toten außer dem
Genickbruch und den Würgemalen am Hals keinerlei Verletzungen aufwies, zum
Beispiel durch Bewußtlosschlagen, mußte der Genickbruch eben vor dem
Aufknüpfen verursacht worden sein! Und schon wendet sich das Bild. Was vorher
unmöglich schien ist jetzt ganz einfach.
Helen, der ich die erste Methode trotz allem nicht zutraue, konnte ihrem Ex
zunächst mit einem gezielten Handkantenschlag das Genick gebrochen haben und
dann einen Selbstmord vortäuschen.''
``Selbstmord...?'' fährt Frohlic mich an. ``Und der flüchtende Täter?''
``War niemand anders als Sandy, der sich wahnsinnig erschreckte, als
er, nachdem er die Indizienattrappe aufgebaut hatte, aufeinmal vor dem
hängenden York stand.''
``Verständlichicherweise'', nickt Maryett mir zu.
``Okay'', sagt Frohlic und grinst spitzbübisch.
``Helen hatte ein Tatmotiv und die Gelegenheit, trotzdem muß sie es
nicht gewesen sein. Warum aber war es nicht Sandy?''
``Nein.'' erwiedere ich bestimmt.
``Wesson, und damit Sandy fallen von vornherein flach.'' führt Maryett
weiter aus. ``Wesson stand als unser V-Mann schon lange unter Verdacht
und wußte davon. Er war darauf bedacht alles auf den Schmuggler Alfred
York abzuwälzen. York mußte also wenigstens noch solange leben, bis
sich unser Verdacht gegen ihn erhärtet hätte. Erst dann konnte Wesson
daran denken ihn umlegen zu lassen.''
``York ist also für Wesson zu früh gestorben'', schließt Frohlic
messerscharf.
``Richtig.'' bestätige ich ihn.
``Fabelhaft, einfach fabelhaft, mein lieber Chicago. Ich werde Ihre
Mitarbeit in meinem Bericht lobend erwähnen'', meint Frohlic gönnerhaft
lächelnd, erhebt sich und führt Maryett und mich zur Tür.
``Macht's gut'', sagt er strahlend.
Auch wir verabschieden uns mit freundlichem Lächeln. Die Tür fällt hinter
uns ins Schloß. Frohlics Zusatz ``Aber nicht zu oft'', den er sich in
den Bart brabbelt hören wir beide nicht mehr.
Draußen empfängt uns die Atmosphäre einer lauen Sommernacht. Ein sanfter
Wind weht Chicagos Straßen herunter, die Welle des Verkehrslärms ist zu
dieser Zeit zu einer sanften Woge verebbt. Wir besteigen ihren Wagen.
``Glaubst Du, daß er alles verstanden hat?'' lenkt Maryett ab.
``Wenn er sich Mühe gibt, glaube ich schon'', antworte ich.
``Maryett...?'' Ich sehe sie an. Wenn nur diese Augen nicht wären.
``Du weißt was ich Dich fragen will, nicht wahr?'' frage ich.
``Ja, aber, laß es uns vergessen, Chicago.''
``Okay'', sage ich und grinse unsicher. Ich beuge mich zu ihr hinüber
und küsse Sie zärtlich auf die Wange. Dann steige ich aus und winke
ihr nach, bis ich die Rücklichter nicht mehr erkennen kann.
Manzoni, C.: 1980, Das MG im Dekolleté, Heyne, München.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Con Un Bacio Ti
Brucio.
Manzoni, C.: 1981a, Einen Schlag auf den Schädel, und du bist eine
Schönheit, Heyne, München.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Un ColpoIn Testa, E
Sei Più Bella, Angelo.
Manzoni, C.: 1981b, Kein Whiskey unter Wasser, Heyne, München.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Ti Faccio Un Occhio
Nero E Un Occhio Blu.
Manzoni, C.: 1982, Jetzt regnet's Ohrfeigen, Heyne, München.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Che Pioggia Di
Sberle, Bambola.
Manzoni, C.: 1983a, Blut ist kein Nagellack, Heyne, München.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Io, Quella La
Faccio a Fette.
Manzoni, C.: 1983b, Der tiefgekühlte Mittelstürmer, Heyne, München.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Un Calcio Di Rigor
Sul Tuo Bel Muso.
Manzoni, C.: 1984, Der Hund trug keine Socken, Heyne, München.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Ti Svito Le
Tonsille, Piccola!.
Manzoni, C.: 1990, Haust du mich - hau ich dich, Ullstein,
Frankfurt/Main.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Ti Faccio Un Occhio
Nero E Un Occhio Blu. Also muß sich entweder der Heyne Verlag verdruckt
haben, oder Ullstein, denn angeblich hieß auch das Original von ``Kein
Whiskey unter Wasser'' genauso und die Bücher sind wirklich völlig
unterschiedlich!
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Copyright © 1982, 1984, 1996, 1997 Jörg Heitkötter. All rights reserved.
Ein ganz normales Wochenende? (1982)
Alarm! (1982)
Eliots Geschenk (1983)
Ein Fall für Chicago (1984)
GAMBIT (1995)
WEIRDO (1996)
RAGNARÖK (1997)
Jörg Heitkötter, Baujahr 1965, schreibt immer noch wenig bemerkenswerte
Kurzgeschichten, sowie eine Vielzahl anderer, ebensowenig bemerkenswerte Dinge
und zwar schon seit 1979. Eigentlich wäre dies überhaupt nicht weiter
erwähnenswert, wenn 1979 nicht interessanterweise das Erscheinungsjahr eines
durchaus bemerkenswertens Buches mit dem Titel Per Anhalter durch die
Galaxis wäre, nicht, daß diese beiden Ereignisse irgendetwas miteinander zu
tun hätten. Mit der nun vorliegenden Geschichte hat sich der Autor nun aber
ganz zweifellos in die erste Reihe derjenigen geschrieben, die als erstes an
die Wand gestellt werden, wenn der Blau-Rosa-Krieg vorbei ist.
Salve, Freunde!
Ich hoffe ihr könnt mir verzeihen?
Ein Fall für Chicago
R i c k N o r m a n
E N D E
Manzoni, C.: 1978, Der Finger im Revolverlauf, Heyne, München.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Ti Spacco Il Muso,
Bimba.
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The characters and incidents portrayed and the names used herein are
ficticious and any similarity to the name, character, or biography of
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Lesenswertes
Wawa-8 (1981)
Als die PCs noch Homecomputer hießen
Eine Science Fiction-Parodie
Eine Super-Thriller-Kriminal-Parodie
Ein Shakespearsches Psychogramm über drei Personen
und einen Porsche
Mr Joke's seltsam melancholisch-chaotische Reisen
als Ende des Verstandes
Über die Liebe, das Leben und den ganzen Rest...Der Autor